Schräg, aber stimmig

Der Akt im Wandel der Zeit

»Um das Aktzeichnen kommt man ebenso wenig herum wie um den Zahnwechsel; er muß überstanden werden, damit wir nach Verlust der Milchzähne das richtige Malgebiss erhalten.« Lovis Corinth wusste, wovon er sprach – fast lebenslang setzte er sich intensiv mit dem Akt auseinander. Was Corinth so launig formulierte, enthält einen wahren Kern: Die Auseinandersetzung mit dem nackten Körper galt und gilt als wichtiger Bestandteil der künstlerischen Ausbildung. Wie das Aktstudium aufgefasst wird, welche Regeln dabei herrschen, hat sich jedoch im Laufe der Zeit stark gewandelt.

Aktzeichnen damals …

Im 19. Jahrhundert war das Aktstudium vor allem am Vorbild der Antike orientiert. Makellos schön, erschienen die Aktfiguren der antiken Kunst als Ideal, dem es nachzueifern galt. Vor dem Studium „nach der Natur“ (sprich: vor dem lebenden Modell) mussten angehende Künstler an den Akademien daher erst einmal antike Skulpturen zeichnen. Da die Originale nicht beliebig verfügbar waren, legten die Kunstschulen Gipsabguss-Sammlungen berühmter Bildwerke an.

Wenn sie das antike Schönheitsideal verinnerlicht hatten, gingen die Kunststudenten zur Darstellung lebender Modelle über – deren Erscheinung sie in ihren Arbeiten wiederum den antiken Vorbildern anpassten; es wurde kräftig geschönt. Auch die Stellungen, die die Modelle einnahmen, waren von den Skulpturen der Antike übernommen: ein Kanon festgelegter Posen. Während einer Ateliersitzung verharrte das Modell bis zu drei Stunden in einer solchen Haltung. Für die Kunststudenten dürfte es damit im Grunde wenig Unterschied gemacht haben, ob sie nach einer Gipsfigur oder einem zur „lebenden Statue“ erstarrten Modell zeichneten.

Mit dieser Praxis zeigten sich Künstler jedoch mehr und mehr unzufrieden. Die starren Posen erschienen unnatürlich, das antike Ideal allzu lebensfern. »Für den Lernenden soll die Natur die einzige Lehrmeisterin sein, und nichts soll verdunkelnd zwischen sie und das Auge des Schülers treten«, erklärte Corinth. Man suchte nach individuelleren Ausdrucksformen, nach Körpern jenseits klassischer Schönheitsformeln. Mit zunehmender Begeisterung schreibt etwa die junge Paula Modersohn-Becker von der »mageren Scheußlichkeit«, die sie gezeichnet habe; »Ruinen der Menschheit« nennt Lovis Corinth die Modelle, nach denen er während seines Studiums arbeitete.

Fortschrittlicher als die staatlichen Akademien waren private Kunstschulen. Auf das Wohlwollen zahlender Schüler angewiesen, suchten sie deren Wünschen entgegenzukommen: Während traditionell nur der männliche Körper studiert wurde, standen hier ebenso weibliche Modelle zur Verfügung (an den staatlichen Schulen sollten sie erst nach und nach in der zweiten Jahrhunderthälfte eingeführt werden). Zudem hatten auch angehende Künstlerinnen Zugang zu den Aktzeichenklassen, während ihnen an den staatlichen Akademien das Studium gänzlich verwehrt blieb – fürchtete man doch, der Anblick nackter Modelle könnte ihre weibliche Sittlichkeit gefährden. Gänzlich neu war auch der »Viertelstundenakt«: Nach nur 15 Minuten wechselte das Modell an manchen Privatschulen die Pose, anstatt stundenlang zu erstarren.

… und heute

Eine Viertelstunde Zeit zum Zeichnen käme den Studierenden im Aktzeichenkurs der Hochschule Hannover wohl wie eine kleine Ewigkeit vor; sie haben nur drei bis acht Minuten Zeit, das Modell in seiner jeweiligen Stellung festzuhalten. Spontan, intuitiv solle die Gesamtfigur erfasst werden, so die Dozentin Ulrike Schöller. Es gelte, eine allzu »verkopfte« Darstellung zu vermeiden und sich nicht in Details zu verlieren. Deshalb lässt sie die Studierenden mitunter auch die Zeichenhand wechseln, Rechtshänder also mit links, Linkshänder mit rechts zeichnen – mit sichtbarem Effekt: Die entstehenden Arbeiten wirken viel freier, lassen neue gestalterische Facetten entdecken. Den »eigenen Strich« zu finden sei das Ziel, die getreue Wiedergabe des Modells, die richtige Einteilung von Proportionen demgegenüber zweitrangig. »Wenn die Situation stimmig erfasst ist, darf die Zeichnung auch schräg sein«, erklärt Co-Dozentin Eva Maria Stockmann.

Aktzeichnen ist fester Bestandteil des Studiengangs Modedesign an der Hochschule Hannover. Zielt das Studium eigentlich darauf, den Menschen an-, nicht auszuziehen, so ist doch die Auseinandersetzung mit dem nackten Körper und dessen Form von zentraler Bedeutung. Damit verbunden ist auch die Frage nach unserem Verhältnis zu und Umgang mit dem Körper, den Bildern, die wir uns von ihm machen. Nicht zuletzt dient das Aktzeichnen auch dazu, den Blick über die eigenen Fachgrenzen hinaus zu erweitern, sich neue Inspirationsquellen zu erschließen.

Anlässlich der Ausstellung Nackt und bloß. Lovis Corinth und der Akt um 1900 zeichneten die Studierenden in den Räumen des Landesmuseums, setzten sich mit den Werken Corinths und seiner Zeitgenossen ebenso auseinander wie mit Aktmodellen, die vor Ort posierten. Die so entstandenen Arbeiten werden in einer Auswahl im Dialog mit den historischen Ausstellungsstücken präsentiert – und zeigen anschaulich: Der Akt ist heute noch genauso aktuell wie zu Corinths Zeiten.

Ganna Tsvetyanska Andrea Kralikova Margarita Volkov
(Aktzeichnungen von (v.l.): Ganna Tsvetyanska, Andrea Kralikova und Margarita Volkov)

Lust, das Aktzeichnen selbst auszuprobieren? Am 22.4. findet von 15:00 bis 18:00 Uhr ein Workshop mit Modell unter Anleitung der Hochschul-Dozenten statt. Anmeldung unter 0511 9807 686 oder info@landesmuseum-hannover.de

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Dr. Barbara Martin, Kunsthistorikerin
Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Landesgalerie ist Barbara Martin für die Ausstellung »Nackt und bloß« verantwortlich. Privat trägt sie aber gerne Kleidung.

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