Paula in Paris

»Keine Nacht finde ich Schlaf – keinen Strich kann ich malen – kein Wort kann ich lesen […] Paula, alle Kisten und Kasten, alle Schubladen sind leer – o diese Entdeckung!«

Otto Modersohn ist am Boden zerstört: Paula ist weg. Mitten in der Nacht ist die Künstlerin im Februar 1906 nach Paris aufgebrochen, die Reisevorbereitungen hat sie vor ihrem Mann geheim gehalten. In der Stadt an der Seine, damals DIE Kunstmetropole schlechthin, will sie Abstand gewinnen von Otto und sich Klarheit verschaffen – über sich selbst und ihre Kunst.

Von Künstlerinnen und Kunstwerken auf Reisen

110 Jahre später reist Paula Modersohn-Becker noch einmal nach Paris: Im Sommer 2016 zeigte das dortige Musée d’art moderne eine große Ausstellung zum Werk der Künstlerin – die erste Paula gewidmete Schau in Frankreich überhaupt. Auch das Landesmuseum Hannover unterstützte die Ausstellung mit Leihgaben; bewahrt es doch mit 34 Arbeiten eine der größten und bedeutendsten Sammlungen zu Paula Modersohn-Becker weltweit. Insgesamt acht Werke gingen im März auf die Reise, darunter zwei Selbstbildnisse der Künstlerin  – und so mussten nun die Besucher der Landesgalerie feststellen: Paula ist weg.

Kunstwerke unterwegs

Bevor Kunstwerke auf Reisen gehen können, stehen aufwendige Vorbereitungen hinter den Kulissen an. Denn Kunst ist eine ebenso wertvolle wie empfindliche Fracht, jeder Transport ein Risiko: Schon geringfügige Erschütterungen oder Temperaturschwankungen können den Werken schaden. Sobald ein Werk als Leihgabe für eine Ausstellung angefragt wird, gilt es daher, erst einmal genau zu prüfen: Welche Sicherheitsvorkehrungen gibt es am Ausstellungsort? Sind die Räume dort klimatisiert? Aber auch: in welchem Zustand ist das jeweilige Werk, kann es überhaupt reisen? Ist etwa die Malschicht an manchen Stellen locker, kann Farbe abplatzen oder -bröckeln, wenn das Gemälde bewegt wird oder der Bildträger durch eine Klimaveränderung zu arbeiten beginnt. Hier müssen gegebenenfalls die Restauratoren noch einmal Hand anlegen – oder sogar ihr Veto einlegen, wenn ein Werk zu fragil für die Reise ist. Vor dem Transport wird der Zustand aller Leihgaben noch einmal bis ins Detail protokolliert. So lässt sich später feststellen, ob unterwegs Veränderungen oder Schäden aufgetreten sind.

Auf die Reise geht es dann sicher verpackt in eigens gefertigten und passgenau für jedes Werk gepolsterten Transportkisten. Meist begleitet zudem ein Kurier das Werk bis zum Ausstellungsort, überwacht dort das Auspacken und Hängen der Leihgabe; ein spannender Job, der einen in die verschiedensten Museen und Städte führt – und natürlich in viele interessante Ausstellungen, auch wenn man diese als Kurier leider immer nur halb auf- oder schon wieder halb abgebaut zu sehen bekommt.

Mancher mag sich nun fragen: Lohnt sich denn dieser Aufwand? Tatsächlich überlegen wir uns das bei jeder Anfrage sehr genau. Wenn jedoch die Bilder am fremden Ort, zwischen »neuen Nachbarn«, plötzlich selbst in ganz anderem Licht erscheinen und sich neue Zusammenhänge erschließen, dann war es die Reise auf jeden Fall wert. So auch bei »unseren Paulas«.

Seit Kurzem sind die Gemälde nun wieder wohlbehalten zurück in Hannover – und da auch wir Paula vermisst haben, widmet ihr die Landesgalerie aktuell besonders viel Raum. Und die Künstlerin selbst? Nach vielen, vielen Briefen näherten sie und ihr Ehemann sich wieder an. Den Winter 1906/07 verbrachte Otto Modersohn bei Paula in Paris. Im folgenden Frühjahr ging es für beide zurück nach Worpswede.

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Dr. Barbara Martin, Kunsthistorikerin

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Landesgalerie ist Barbara Martin für die Ausstellung »Nackt und bloß« verantwortlich. Privat trägt sie aber gerne Kleidung.

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