Kelvin Wilson – Ein archäologischer Illustrator erzählt …

Der Künstler Kelvin Wilson.

Vielleicht wart ihr schon in unserer neuen Sonderausstellung »Saxones« und euch sind die neun großen Bilder aufgefallen, die unsere Ausstellung bereichern. Vielleicht aber auch nicht und ihr werdet anhand des folgenden Interviews neugierig und schaut sie euch selbst vor Ort an. Wir haben mit dem Künstler gesprochen und interessante Einblicke in den Entstehungsprozess der wunderbaren Illustrationen erhalten. Aber zuerst stellt sich der Künstler selbst vor.

Mein Name ist Kelvin Wilson, ich wurde als Brite geboren, aber wohne fast schon mein gesamtes Leben lang in den Niederlanden. Seit meines Abschlusses als Illustrator am Rotterdam Art College arbeite ich als Künstler für archäologische Rekonstruktionen. Lange Zeit war ich damit der einzige Illustrator auf diesem Gebiet in den Niederlanden. Aber dieselben Szenen immer wieder zu rekonstruieren (die Urgeschichte, die Römerzeit, das Mittelalter und so weiter) langweilte mich. Und so habe ich mich schon früh entschieden, mich weiterzuentwickeln und zu spezialisieren.

Welchen Beitrag leisten Ihre Bilder zu der Ausstellung und was macht sie besonders?

Meine jüngsten Projekte haben mich mit Babette Ludowici zusammengebracht, der Kuratorin der »Saxones«-Ausstellung. Ihr ist aufgefallen, dass meine Arbeit nicht nur das übliche Malen von Figuren in zeitgemäßen Kleidern und in zeitgemäßer Umgebung bedeutet, sondern dass ich – und nun kommen wir zu meiner Spezialisierung – mit und in meinen Bildern Geschichten über Menschen erzähle.

Im Grunde mache ich dasselbe wie jeder andere archäologische Illustrator: Ich rekonstruiere den Schauplatz, die materielle Kultur und die Menschen. Aber sobald ich mir einen tieferen Eindruck vom Geschehen verschafft habe, lege ich erst richtig los.

Frau Ludowici erzählte mir ihre Ausstellungsidee. Das inspirierte mich, Bilder zu entwerfen, die ihre Ideen zur Ausstellung nicht nur wiederspiegelten, sondern sie in gewisser Weise auch weiterentwickelten. Dies ist meine Herangehensweise, damit die Bilder am Ende spannend und manchmal sogar unangenehm anzusehen sind. Damit werden Szenen, die wir schon allzu oft in Büchern oder Museen gesehen haben, von einer etwas anderen Seite gezeigt. Ein Beispiel ist die wilde Szene, in der ein Anführer zu Grabe getragen wird. Sie basiert auf Fakten archäologischer Ausgrabungen, bei denen auch ein Pferdeskelett gefunden wurde.

In meinem Bild zeige ich nicht das, was man erwarten würde: Das Aufschlitzen der Kehle des Pferdes geschieht nur im Hintergrund, und keiner der Abgebildeten scheint sonderlich interessiert daran zu sein. Sie wirken eher gelangweilt. Es scheint sich um ein banales Ereignis für die Beteiligten zu handeln. Der einzige Farbakzent in dieser gräulichen, trostlosen Umgebung ist die gelbe, wächserne Haut des Verstorbenen. Dieses Bild zeigte ich dem Archäologen, der die Grabfunde wissenschaftlich auswertet – und er liebte es, obwohl, oder gerade weil es so eine aggressive Stimmung hat.

Die Darstellung scheint zu irritieren und damit habe ich alles richtig gemacht: Den Betrachter zum Nachdenken anzuregen und ihn in eine Geschichte zu führen.

Ein Anführer wird zu Grabe getragen. Vorbild für diese Illustration ist ein Grab aus Hemmingen-Hiddestorf.

Können Sie uns ein paar Einblicke in den Entstehungsprozess der Werke gewähren? Welche persönlichen Gedanken sind in die Arbeit eingeflossen? Und welche Vorgaben gab es?

Alles, was ich für relevant hielt, sammelte ich: von zeitgemäßen historischen Schuhen über Möbelstücke, von der Farbe antiker Gemälde über archäologische Fundstücke.

Dann fing ich an, Entwürfe zu zeichnen. Dieser Prozess hat fast immer etwas Physisches an sich: Ich spüre meist förmlich, wie sich das Bild später für die Betrachter anfühlen wird. Aber dennoch ist es nicht einfach, seine Eindrücke und Gefühle auf ein kleines Stück Papier zu übertragen und zu wissen, dass sie dort erst einmal für Monate bleiben werden, bevor sie auf große Leinwände gemalt werden. Ich habe meist Angst, dass ein paar dieser Gefühle in der Zwischenzeit verloren gehen könnten. Aber ich kann nicht einfach sofort mit großen Pinselschwüngen loslegen und ein großes Gemälde auf die Leinwand zaubern: Die historischen Details müssen alle haargenau korrekt sein.

Nach der Fertigstellung versah ich die Bilder in einem langwierigen Prozess mit mehr Textur und Farbe, glättete Pinselstriche und änderte manches sogar wieder. Wenn mir auffiel, dass ich den Kopf einer Person zu klein gemalt hatte, vergrößerte ich ihn; wenn ich bemerkte, dass eine Schulter nicht stark genug geformt war, formte ich sie neu.

Zwischendurch, wenn man bemerkt, dass etwas nicht so recht klappen mag, und noch weit von dem entfernt ist, was man erreichen möchte, hasst man seine Arbeit. Doch dann kommt einem eine flüchtige Ahnung davon, wie es vielleicht funktionieren könnte, und man arbeitet weiter daran. Und plötzlich liebt man es!

 

Von der Skizze zum fertigen Bild. Hier entstand die Illustration von Widukind, der in seiner Schreibstube sitzt und die Geschichte seiner Vorfahren aufschreibt.

Welches Bild gefällt Ihnen persönlich am besten?

Das erste Bild der ganzen Serie: Die germanischen Anführer, die sich ein paar Schlucke aus ihren Trinkhörnern genehmigen, während sie inmitten einer Herde Kühe stehen. Jeder, der mit der gewöhnlichen Darstellungsweise der Menschen aus germanischen Stämme vertraut ist, wird sofort merken, dass hier all die typischen Elemente fehlen. Niemand in meiner Illustration ist blond – stattdessen sind alle Menschen auf meinem Bild leicht gebräunt von der Arbeit unter der Sonne im Freien. Niemand ist aggressiv, niemand schleppt Waffen mit sich herum – nur der Anführer trägt eine Fliegenklatsche aus Pferdehaar bei sich. Und sogar sein schon sehr dünnes Haar hat er in dem typischen Suebenknoten – einer germanischen Männerfrisur – zur Seite gekämmt. Wenn ich Germanen so gemalt hätte, wie andere es oft tun, als große, blonde und kampfbegierige Krieger, hätte das Ganze irgendwie kindisch ausgehen.

Dieses Bild erscheint mir als der beste Auftakt für eine Ausstellung, die sich mit Herrschaftskämpfen beschäftigt und um den daraus entstehenden gesellschaftlichen und kulturellen Wandel thematisiert.

Das Bild der germanischen Anführer noch auf der Leinwand. In der Ausstellung können Sie es weitaus größer betrachten.

Die Sonderausstellung »Saxones. Eine neue Geschichte der alten Sachsen« ist vom 5.4. bis zum 18.8.2019 im Landesmuseum Hannover und vom 21.9.2019 bis zum 2.2.2020 im Braunschweigischen Landesmuseum zu sehen. Weitere Infos findet ihr hier.