Wotan in the Box II

Hey Leute, da sind wir wieder – meine Skulptur und ich hinter dem Landesmuseum – wenn sie auch wegen der winterlichen Einhausung derzeit nicht sichtbar ist. Auf diese »Schutzkiste« komme ich auch noch, denn sie ist ja selbst ein Kunstwerk vom »Totalkünstler« Timm Ulrichs; aber der Reihe nach – also zuerst zum Macher von »Wotan«, meiner Skulptur.

Made of Stone

Der Schöpfer dieser Sandsteinskulptur ist heute ein weitgehend unbekannter Meister; das war einmal anders, insbesondere hier in und um Hannover: Der begabte junge Mann Friedrich Wilhelm Engelhard wurde seit 1837 mit Ende der Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien allein vom Königshaus Hannover gefördert. Namentlich zuerst also von Ernst August, dessen Reiterstandbild seit 1861 vor dem Bahnhof am Ernst-August-Platz im Zentrum Hannovers steht. Dank der Unterstützung des Welfenhauses konnte Engelhard 1839 zunächst bei dem berühmten Dänen Berthel Thorvaldsen in Kopenhagen und 1841 dann bei Ludwig Schwanthaler in München studieren. Beide waren Hauptmeister der klassizistischen Bildhauerei, die auch motivisch sehr eng an der klassischen Antike orientiert war – germanische Götter spielten bei denen noch gar keine Rolle. Nach Jahren in Hamburg bearbeitete Engelhard seine Aufträge von 1855 bis 1858 in Rom. Hier waren über Jahrzehnte ganz viele, darunter auch deutsche Künstler ansässig. Deren Bilder, etwa Joseph Anton Kochs »Ganymed«, hängen ja auch hinter mir an den Wänden der Landesgalerie.

Soft News

Dieses Bild stammt ursprünglich aus der Sammlung August Kestners, von dem ihr sicher schon öfter gehört habt – allein durch das gleichnamige Museum um die Ecke, das seine ägyptischen, griechischen und römischen Altertümer bewahrt. Als Legationsrat lebte auch Kestner von 1818 bis 1851 als Mittelpunkt einer lebhaften »Deutsch-Römischen Künstlergemeinschaft« in der antiken Metropole. Kestners eigentliche Kunstsammlung befindet sich schon lange im Landesmuseum, darunter eben Kochs letztes Bild, der von Zeus geraubte Ganymed. Kestners Mutter Charlotte, sie liegt auf dem Hannoveraner Gartenfriedhof in der Südstadt bestattet, ist weltweit natürlich um einiges bekannter als ihr Sohn – zumindest ihr literarisches Alter Ego »Lotte« im ersten Briefroman der Weltgeschichte, den »Leiden des jungen Werther«, um nicht zu sagen des 25jährigen Johann Wolfgang Goethe.

Me, myself and the others

Aus dessen »Land, in dem die Zitronen blühen«, dem schönen Italien, rief Georg V., dritter und letzter König von Hannover (1851-1866), den nun gründlich ausgebildeten Bildhauer Engelhard zur dauerhaften Niederlassung in Hannover. Hier arbeitete der gute Kerl seit 1859 als Mitglied des Hannoverschen Künstlervereins, seit 1869 zugleich als Professor an der Polytechnischen Hochschule. In Stadt und Region ist der Künstler mit Werken bis heute noch immer gut vertreten. Neben meinem Abbild hat er u.a. auch das »Schiller-Denkmal« in der Georgstraße (1863) oder die Sitzstatue der Kurfürstin Sophie im Schlossgarten von Herrenhausen (1876-78) gefertigt.  

Das nächste Mal erzähl‘ ich Euch vom »Eddafries«, einem bildlichen Auszug aus den germanischen Heldensagen. Den hat Engelhard um 1860 für Schloss Marienburg entworfen. Das ist mein Thema, des Gottes und seiner Skulptur…

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Dr. Thomas Andratschke, Kurator Neue Meister
Sofern er nicht den Privatsekretär von unserem Wotan mimt, streift er begeistert durch die Kunstgeschichte und ist dabei nur schwer zu bremsen.

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