Die goldene Tafel: erforschen, konservieren, restaurieren

Ein Kunstwerk hat viel zu erzählen

Von den Techniken und Materialien seiner Herstellung, von seiner ursprünglichen Funktion und Bedeutung, aber auch von seinem oft wechselvollen Schicksal im Verlauf der Jahrhunderte. Das Hauptaltarretabel aus der St. Michaeliskirche in Lüneburg, die sogenannte »Goldene Tafel«, erzählt von sakraler Bedeutung und herausragender künstlerischer Fertigkeit, aber auch von spektakulärer Beraubung und Beschädigung. Im 19. Jahrhundert wurde aus dem Altar ein Museumsstück, und im Laufe der Zeit sind immer wieder Maler, Vergolder und Restauratoren mit der Mission an das Retabel herangetreten, sein Erscheinungsbild zu verbessern – auch diese Eingriffe sind Teil seiner Geschichte.

Als Restauratoren sind wir aufgefordert, uns mit diesen Aspekten vor einem Eingriff genau auseinanderzusetzen. Denn auch wenn sich vielleicht jeder zunächst ein Kunstwerk wünscht, dessen Oberfläche uns im »ursprünglichen Glanz« entgegentritt, können wir es in seiner Gesamtheit nur dann richtig würdigen, wenn die bedeutsamen Spuren seiner Geschichte erhalten bleiben.

Goldene Tafel: Die genaue Erforschung eines Kunstwerks

Deswegen steht vor jeder Konservierung oder Restaurierung die genaue Erforschung des Kunstwerks – wir untersuchen seine Machart und seinen Erhaltungszustand und fragen uns, welche Veränderungen uns wichtige Informationen über seine Geschichte und Funktion geben und deshalb unbedingt zu schützen sind. Dafür ist genaues Hinsehen gefragt. Dem bloßen Auge stehen dabei verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung: Unser wichtigstes Werkzeug ist das Mikroskop, das uns eine Welt im Kleinen eröffnet und die Strukturen der Oberfläche genauer zeigt. Mithilfe eines Röntgenbildes können wir erkennen, wie zum Beispiel eine Holzskulptur zusammengesetzt ist. Eine Aufnahme der so genannten UV-Fluoreszenz zeigt uns wiederum, welche Überzüge und Schichten auf den Oberflächen liegen. Außerdem geben naturwissenschaftliche Analysen genauere Auskunft darüber, welche Materialien an welcher Stelle vorliegen. Erst nachdem zum Beispiel geklärt ist, was eine jahrhundertealte Schmutzschicht und was ein absichtlich aufgetragener, lediglich alt wirkender Überzug ist, lässt sich über Erhalt oder Entfernung eine Entscheidung treffen.

Goldene Tafel Detail aus dem Blütenornament des Hintergrundes der Bildtafel mit Kreuzigung Christi: Die Blüten sind mit Zwischgold gestaltet, einem Blattmetall, das aus Silber und Gold besteht.

Detail aus dem Blütenornament des Hintergrundes der Bildtafel mit Kreuzigung Christi: Die Blüten sind mit Zwischgold gestaltet, einem Blattmetall, das aus Silber und Gold besteht.

Die Skulptur des hl. Georg mit seinem Attribut, dem Drachen (links). Lanze und Schwert gingen wahrscheinlich im 19. Jahrhundert verloren. Das Röntgenbild (Mitte) zeigt die Holzmaserung, Ansatzfugen im Holz und den metallenen Haken (weiß in der Körpermitte), mit dem die Skulptur im Altarflügel fixiert wird. Die Aufnahme der UV-Fluoreszenz (rechts) zeigt gelblich-grünlich fluoreszierende spätere Überzüge vor allem im Bereich des Kopfes, der Ärmelfutter und des Drachens.

Die Skulptur des hl. Georg mit seinem Attribut, dem Drachen (links). Lanze und Schwert gingen wahrscheinlich im 19. Jahrhundert verloren. Das Röntgenbild (Mitte) zeigt die Holzmaserung, Ansatzfugen im Holz und den metallenen Haken (weiß in der Körpermitte), mit dem die Skulptur im Altarflügel fixiert wird. Die Aufnahme der UV-Fluoreszenz (rechts) zeigt gelblich-grünlich fluoreszierende spätere Überzüge vor allem im Bereich des Kopfes, der Ärmelfutter und des Drachens.

All  diese Untersuchungen waren grundlegend für die Entwicklung unseres Restaurierungskonzeptes für die goldene Tafel, das wir seit Januar 2016 in unserer Schauwerkstatt in der Landesgalerie umsetzen. An dieser Stelle möchten wir Ihnen in Zukunft immer wieder kleine Einblicke in unsere Arbeit geben. Besuchen Sie uns aber gerne auch einmal zu einer der öffentlichen Führungen in der Werkstatt!

Die Restauratorinnen Dana Jonitz und Gabriele Schwartz bei der Arbeit an den Skulpturen des hl. Georg und der hl. Maria Magdalena.

Die Restauratorinnen Dana Jonitz und Gabriele Schwartz bei der Arbeit an den Skulpturen des hl. Georg und der hl. Maria Magdalena.

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