Bloß nackt? Oder mehr?

Der Titel ist Programm: Die Nacktheit nannte Lovis Corinth sein großformatiges Gemälde eines weiblichen Aktes. Flankiert von zwei ebenfalls nackten Kindergestalten, räkelt sich die Frau betont sinnlich auf einem Kanapee. Offenherzig bietet sie sich der Betrachtung dar – einen Arm über dem Kopf angewinkelt, gibt die Dargestellte den Blick auf ihren Körper frei; die Drehung der Hüfte betont die weiblichen Rundungen. Offen und direkt blickt die Nackte den Betrachter an, augenscheinlich in vollem Bewusstsein ihrer erotischen Ausstrahlung. Corinth stellt hier seine Meisterschaft in der Darstellung des nackten Körpers, der Wiedergabe von Fleisch und Haut, unter Beweis: Mit deutlich sichtbaren Pinselzügen modelliert er den Körper, erzeugt den Eindruck weichen, geradezu greifbaren Fleisches. Die Färbung der Haut scheint auf den Überwurf des Kanapees abzustrahlen und zugleich dessen Rotton in sich aufzunehmen. Überhaupt weist der Hautton vielfältige, nuancierte Schattierungen auf, von warmem Rosa über Höhungen in hell schimmerndem Perlmutt bis zu bläulichen oder rotbraunen Schatten. Idealtypisch wird so der seit der Antike geläufige Gemeinplatz illustriert, wonach die Haut alle Farben in sich vereine.

Geistige Gymnastik

Corinths Nacktheit spielt auf bedeutende Vorbilder der Kunstgeschichte an: Die Pose der Liegenden zitiert die Bildtradition der ruhenden Venus, die schon von Tizian oder Giorgione dargestellt wurde. Entsprechend lassen die beiden nackten Jungen an den Amorknaben denken. Doch zeigt Corinth nicht die antike Liebesgöttin, entrückt und von makelloser Schönheit. Seine Aktfigur ist eine gänzlich irdische Frau, konsequent nach dem lebenden Modell gemalt und ohne Idealisierung wiedergegeben. Der Bildtitel überhöht sie zur Verkörperung der Nacktheit schlechthin und erhebt sie damit in die Sphäre der Allgemeingültigkeit. Das Spiel mit Zitaten aus der Kunstgeschichte, die Anlehnung an alte Meister ist typisch für Corinth. Nie jedoch kopierte der Künstler seine Vorbilder einfach nur, sondern suchte Darstellungstraditionen und Bildformeln neu und ganz eigen zu interpretieren – Corinth nannte dies seine »geistige Gymnastik«. »Der Stoff kann hundertfach behandelt sein; wie der bestimmte Künstler ihn auffaßt, das macht das Bild neu und zum Kunstwerk«, erklärte der Künstler.

Als Modell für die beiden Kinderfiguren diente Corinths damals vierjähriger Sohn Thomas. In die Betrachtung eines schwelenden Zweigs versunken, sitzt einer der Knaben im Vordergrund auf dem Boden; der andere blickt in der linken oberen Bildecke hinter dem Kanapee hervor und winkt dem Betrachter zu. Das Gemälde zeigt so verschiedene Arten des Umgangs mit Nacktheit: vom halb verborgenen Jungen links oben über die aufreizende Darbietung des Frauenakts bis hin zur unbefangenen Selbstvergessenheit des Kindes rechts unten.

Der Maler der Nackten

Corinth selbst sah in der Nacktheit eine seiner »besten Arbeiten und aus der besten Zeit«. Erstmals gezeigt auf der 15. Ausstellung der Berliner Secession, wurde das Gemälde bis Mitte der 1920er Jahre über ein Dutzend Mal ausgestellt und in zahlreichen Publikationen abgebildet. Thema und Gestaltung des Bildes sind dabei charakteristisch für den Künstler: Fast lebenslang setzte er sich in unzähligen Gemälden und Grafiken mit der Darstellung des nackten Körpers in unterschiedlichsten Kontexten und Facetten auseinander, kaum einem Motiv kommt in seinem Werk eine solch zentrale Bedeutung zu. In der Wahrnehmung der Zeit wurde der Akt so zu einem regelrechten Markenzeichen Corinths. Zwar erfreute sich diese Bildgattung um 1900 ganz allgemein großer Beliebtheit. Doch hoben sich Corinths Arbeiten durch ihre Sinnlichkeit und Lebensnähe deutlich von den zuhauf gemalten, realitätsfernen Aktbildern der Jahrhundertwende ab. Im Spannungsfeld von Tradition und beginnender Moderne fand Lovis Corinth einen ganz eigenen Weg: Seine Akte sind ebenso sinnlich und lebensnah wie vielschichtig in ihren Verweisen auf die Kunstgeschichte – mehr als nur nackt. Die Ausstellung Nackt und bloß. Lovis Corinth und der Akt um 1900 gibt noch bis 11. Juni 2017 Gelegenheit, sich hiervon selbst zu überzeugen.

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Dr. Barbara Martin, Kunsthistorikerin
Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Landesgalerie ist Barbara Martin für die Ausstellung »Nackt und bloß« verantwortlich. Privat trägt sie aber gerne Kleidung.

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